Das Schöne am Internet ist ja, dass man sich mit Menschen aus aller Welt über seine Interessen austauschen kann. Das ist nicht nur, aber natürlich auch im Bereich der Handarbeiten so. Ich bin seit Anfang 2008 Mitglied bei Ravelry und habe mich jetzt auch bei Petzis Spinnforum angemeldet, weil ich in letzter Zeit wieder viel mehr Spaß am Spinnen habe. Und es ist schon toll, wieviel Inspiration man aus dem Austausch mit anderen Handarbeitern bekommt. Und auch wenn man seine Strickstücke ja ganz allein anfertigt, ist es wirklich wunderbar, das nicht nur zuhause vor dem Fernseher zu tun, sondern auch bei Treffen mit echten Menschen, die ebenfalls stricken. Dadurch wird mein Strickstück zwar nicht anders, aber die beim Stricken verlebte Zeit bekommt eine andere Qualität.
Nun ist es ja so, dass jeder eine andere persönliche Einstellung zu seinen Hobbies hat und auch haben darf und soll. Für den einen ist das Stricken oder Spinnen (ich nehme jetzt mal diese beiden als Beispiel, einfach weil das meine Handarbeiten-Hobbies sind) einziges Hobby, das man sehr stark ausübt, weil man vielleicht sogar viel Zeit zur Verfügung hat. Für den anderen ist es ein Hobby unter vielen, die sich die spärliche Zeit nach Feierabend teilen müssen. Ich denke, jeder empfindet die Wichtigkeit oder den Rang seiner Hobbies anders.
Ich persönlich habe eine sehr extreme Meinung über meine Hobbies. Sie sind lebensnotwendig! Das ist eine krasse Aussage, aber die habe ich nicht mal eben aus dem (selbstgestrickten Pullover-)Ärmel geschüttelt. Vielmehr ist es eine Erkenntnis, die ich gewonnen habe, als ich 2009 wegen meiner Depressionen in der Klinik war. In dem Teil der Klinik, in dem ich war, waren hauptsächlich Patienten mit Burnout, Depressionen und Ängsten untergebracht und viele dieser Patienten hatte zu Beginn des Klinikaufenthaltes überhaupt keine Hobbies mehr. Ich hatte das große Glück, dass ich schon gestrickt hatte und beide Zimmernachbarinnen, mit denen ich im Laufe meines Aufenthaltes zusammengewohnt habe, haben auch gestrickt. Ich konnte während der sechs Wochen, die ich dort war, beobachten, wie Menschen, die sich ein Hobby neu gesucht oder wieder aufgenommen haben, wieder zu leben angefangen haben. Sicherlich hat auch die Psychotherapie den Menschen geholfen, aber das mit den Hobbies hat mich doch nachhaltig beeindruckt.
Da war die Gruppe von Frauen, die vor dem Frühstück immer Nordic Walking im tiefen Schnee gamacht hat. Die kamen gut gelaunt und mir leuchten roten Wangen zum Frühstück. Da war das Ehepaar, das aus Sorge um die psychisch schwer kranke Tochter ebenfalls krank geworden war. Wenn sie von ihren Wanderungen zurückkamen, konnten sie plötzlich lächeln (in der Therapie haben sie meistens geweint – aber das war sicher auch heilsam). Oder (am beeindruckendsten): eine Mitpatientin aus meiner Bezugsgruppe. Sie hatte wohl die schwerste Diagnose von uns allen und ihr ging es wirklich richtig schlecht. Sie hat im Kunstraum mit Ton gearbeitet… Und wenn man sie dort traf, dann wurde aus diesem Menschen, der so viel Leid tragen musste und der durch die krassen Medikamente gezeichnet und in Sprache und Bewegungsapparat eingeschränkt war, eine wunderschöne, strahlende Frau, die einen mit ihrer Begeisterung angesteckt hat. Oder die eher verklemmte Patientin, die bei den abendlichen Malefiz-Runden endlich mal aus sich raus gehen konnte. Oder die Patientin, die kaum ein Wort gesprochen hatte und dann anfing zu singen. … Es war wirklich beeindruckend!
- Ich bin trotz all diesen Erfahrungen nicht der Meinung, dass Hobbies eine adäquate Psychotherapie ersetzen können. Sie sorgen bei gesunden Menschen dafür, dass diese so ausgeglichen bleiben, dass sie vielleicht nicht so leicht in einen Burnout oder Depressionen fallen. Und sicher können sie auch bei Patienten mit psychischen Erkrankungen im Rahmen einer Ergotherapie mit guten Ergebnissen eingesetzt werden. Aber wenn es jemandem so schlecht geht, dass er psychotherapeutische Hilfe braucht, dann können Hobbies alleine diesen Menschen wohl nicht heilen. Ich weiß, dass es schwer ist und lange dauert, einen guten Therapeuten zu finden oder einen Klinikaufenthalt genehmigt zu bekommen, aber es lohnt sich so sehr! Einzige Voraussetzung: man muss sich darauf einlassen können. Nicht blind alles sofort annehmen, was so ein Therapeut sagt, aber sich darauf einlassen, an sich zu arbeiten und offen zu sein für das, womit der Therapeut vielleicht recht haben könnte. (Das nur als kleiner Exkurs am Rande. Es ist ein Thema, das mir sehr am Herzen liegt. Ich will mir nicht vorstellen, wo ich heute ohne Therapie stünde (wahrscheinlich würde ich nicht stehen sondern liegen – im Grab…), aber ich weiß auch nicht, ob ich die neun Monate, die ich auf meinen Klinikaufenthalt gewartet habe, überlebt hätte, wenn das Stricken mich nicht zumindest ab und an von meinen Suizidgedanken abgelenkt hätte.)
Meine krasse These ist also: Hobbies sind lebenswichtig! (Zumindest in unserer Gesellschaft, in der immer mehr Menschen immer schneller psychisch erkranken. Es gibt Gegenden in dieser Welt, das sieht das (Über-)Leben ganz anders aus. Das ist mir bewusst, doch ich kann nur über die Gesellschaft schreiben, in der ich lebe und die ich kenne.)
Man sollte meinen, dass diese Einstellung sehr radikal ist. Ist sie auch. Einerseits. Andererseits sage ich nicht, dass das Stricken und Spinnen lebensnotwenig ist, sondern dass es das Hobby ist. Und dabei ist es völlig egal, welches Hobby man sich aussucht. Handarbeiten sind nicht die große Offenbarung für jeden. Es gibt so viele Hobbies: Sport, Musik, Computerspiele, Gesellschaftsspiele, photographieren, lesen, tanzen, Briefmarken sammeln, Fremdsprachen lernen, reisen… Und sie haben alle den gleichen Stellenwert, nämlich den, dass sie dem Menschen, der sie tut, gut tun!
Aha! Spätestens hier habe ich einige Leser, die mir das mit dem “lebensnotwenig” noch abgenommen haben, verloren. “Aber bei Handarbeiten habe ich hinterher doch ein Ergebnis, das ich sogar anziehen kann!” Ja und? Ist der Wert von Musik geringer, wenn die Töne verklungen sind? Ist der Wert eines guten Buches geringer, wenn ich das Ende kenne? Ist das Spiel weniger Wert, nachdem ich es gewonnen oder verloren habe? Ich finde nicht. Solange dahinter Menschen stehen, die ausgeglichen und vielleicht sogar glücklich sind, weil sie gesungen, gelesen, gespielt… haben. Ich kenne Menschen, die ihre eigenen Hobbies besser und wichtiger finden als die Hobbies ihrer Mitmenschen, soger die Hobbies ihrer Ehepartner. Das entsetzt mich immer sehr und ich finde es total mies. Aber darüber will ich mich gar nicht weiter auslassen…
Im Internet begegne ich im Zusammenhang mit Handarbeiten immer wieder zwei Begriffen: Sucht und Viren. Das entsetzt mich auch. Ich habe gesehen wie Süchte nicht nur Menschenleben sondern ganze Familien zerstört haben. Ich habe davon gehört wie Viren Menschen getötet haben. Meine Handarbeiten sollen nicht zerstören oder töten. Dieser Vergleich verstört und entsetzt mich. Keine Sorge, ich werfe das den Leuten, die so etwas in Foren schreiben, nicht direkt an den Kopf (dann wäre ich auch ganz schön lange damit beschäftigt). Ich lasse mich höchstens mal zu einem “ich nicht” hinreißen, wenn mal wieder im Raum steht, dass wir ja alle wollsüchtig sind.
“Aber das ist doch nur humorvoll gemeint! Man muss auch mal über sich lachen können.” Ja, sicher muss man mal über sich lachen können. Und es kann ja sein, dass die Mehrheit das auch humorvoll meint. Das mit den Viren kommt glaube ich auch aus einem Forum (irgendwas mit kreativen Viren) und scheint sich über den gesamten deutschsprachigen virtuellen Handarbeitsbereich ausgebreitet zu haben. Und kreative Viren mögen am anfang ja auch ganz witzig gewesen sein. Ebula-, HI- und sonstige Viren finde ich dann nicht mehr so witzig. Kann sein, dass ich da die einzige Spaßbremse bin. Ist dann auch ok für mich. Viel befremdlicher finde ich den Vergleich mit der Sucht.
“Ach, das muss man nicht so wörtlich nehmen. Sprache ändert sich eben und dann rutscht so ein Wort in den alltäglichen Sprachgebrauch und wird irgendwie entschärft. Das war doch mit deinen Depressionen genauso. Dein Krankheitsbild hieß früher Melancholie, bis das Wort so sehr in den alltäglichen Sprachgebrauch hineingewachsen ist, dass es nur noch so viel wie nachdenklich bedeutet hat und man ein neues Wort für die Krankheit gefunden hat: Depression. Heute ist man schon depri, wenn man mal Liebeskummer hat oder in der Woche vor der Periode. Vielleicht wird ja bald wieder ein neues Wort für die Krankheit gefunden…” Ist im Prinzip alles richtig. Sprache ändert sich, ist lebendig und das ist wunderbar, auch wenn es wohl für viele das ein oder andere Wort gibt, an dem man in seiner eigentlichen Bedeutung hängt. Und das ist wohl mit der Sucht auch so? Wer strickt und spinnt ist wollsüchtig, wer gerne und viel nascht ist schokisüchtig, wer raucht… och, lassen wir das besser… wer viel Alkohol trinkt… uups, der ist ja wirklich krank… Vielleicht ist Sucht also ein Wort, das gerade im Wandel ist und von der Bedeutung her sowohl harmlos als auch schwer sein kann? Möglich.
Ich sehe darin eine gewisse Gefahr. Es geht ja nicht nur um das Wort an sich, sondern auch um das Verhalten der Menschen, die dieses Wort im Bezug auf sich selbst (scheinbar) humorvoll verwenden. Wenn jemand wirklich viel strickt und spinnt und viel Wolle, Spinnfasern, Stricknadeln, Spindeln, Spinnräder… kauft ist das ja noch lange kein Problem. Problematisch wird es, wenn man das Stricken und Spinnen so sehr betreibt, dass man die Familie damit stört oder vernachlässigt oder sogar beides. Dann, wenn man das Kaufen nicht mehr kontrollieren kann. Dann, wenn man Geld vom gemeinsamen Konto dafür nimmt, immer wieder. Jeder darf mit seinem Geld machen, was er will. Wer mehr Wolle kaufen mag, als er jemals verstricken kann, bitte, nur zu. Wer sämtliche Regale in der Wohnung mit Spinnfasern füllen möchte, gerne, warum nicht. Wenn Finanzen und Familie das zulassen, dann darf sich jeder nach seinem Gusto austoben, das will ich niemandem absprechen.
Man liest nur immer häufiger Aussagen wie (ich zitiere nicht wörtlich von irgendwo, nur aus meinem Gedächtnis):
- Mein böser Bestellfinger hat schon wieder gezuckt, ich kann einfach kein Update eines gewissen Onlineshops auslassen.
- Ich muss mir nur überlegen, wie ich meine neuen Einkäufe an meinem Mann vorbeischmuggeln und verstecken kann.
- Meine Familie beschwert sich, dass hier in jedem Raum Wolle rumliegt.
Das ist doch gruselig. Ja, auch vieles davon wird Humor sein und es ist egal ob ich ihn teilen kann oder nicht. Aber Ravelry ist eine Community mit 1,5 Millionen Mitgliedern. Ich bin überzeugt, dass nicht alle, die so etwas schreiben, den gleichen Humor haben. Ich glaube, da schwimmen Leute mit, die wirklich einen Kaufzwang (und das meine ich jetzt im medizinischen Sinne) haben. Oder Leute, die dabei sind, ihre Familien zu zerstören, weil sie sich mit ihrem Hobby so ausbreiten, dass sie dabei unweigerlich die Grenzen ihres Partners überschreiten. Und diese Leute merken vielleicht noch nichtmal was da los ist, denn der Bestellfinger zuckt doch bei jedem und wir sind doch alle ein bisschen wollsüchtig, oder?
Mich stimmt das jedenfalls immer sehr nachdenklich, wenn ich so etwas lese. Ich hoffe sehr, dass von meinen “Ravelry-Freunden” und denen, die ich persönlich kennenlernen konnte, niemand wirklich süchtig ist. Passt ein bisschen auf euch auf, ja.
Ich persönlich habe ja das große Glück, dass mein Mann auch Hobbies hat. Und dass wir sowohl gemeinsame als auch jeder seine eigenen Hobbies haben. Ich stricke, spinne und jongliere, er macht Modellbau und spielt gerne Computerspiele, wir beide hören gerne Musik (allerdings eher unterschiedliche), lesen (haben da einen ähnlichen Geschmack, aber nicht exakt denselben) und spielen Gesellschaftsspiele. Ich liebe es, mit ihm gemeinsam zu spielen, ich liebe es auch, wenn wir zusammen etwas machen, aber jeder etwas anderes. Letzten Herbst und Winter haben wir oft zusammen gesessen und er hat an seinen Modelen gebastelt und ich habe gesponnen. Das war so schön.
In unserer letzten Wohnung (in der wir nur fünf Monate gewohnt haben), hatte ich, was sich viele Handarbeiter wünschen. Ein eigenes Hobby-Zimmer. Ich war fast nie dort. Ich habe mir ein Strickprojekt ausgesucht und bin damit ins Wohnzimmer oder zu meinem Mann in sein Computer-und-Modellbau-Zimmer, weil ich es schön finde, wenn wir im selben Raum sind, auch wenn sich jeder für sich mit etwas anderem beschäftigt. In unserer neuen Wohnung haben wir ein gemeinsames Hobby-Zimmer. Mit Computern, Wolle, Modellbau, Spindeln und vielleicht finden wir für meine Jonglierbälle auch noch ein Regalbrett. Ich mag es. Und wenn wir Ruhe vor einander haben wollen, geht einer eben ins Wohnzimmer, das wäre dann sogar die größte Räumliche Trennung, die unsere Wohnung zu bieten hat. Wir gehen unseren Hobbies gerne und mit Begeisterung nach, aber wir sind nicht süchtig.
Soo viele Themen in einem Blogeintrag. ;-)
Also, hier werden wirklich viele Themen angetippt. Was die Sache mit den Hobbies angeht, so finde ich “Genussfähigkeit” wichtig. Daran kann man arbeiten.
Was die Sache mit den Süchten angeht: gleicher Topf wie das “Sabbern”… *seufz*
Und “reale” Süchte: Nochmal ganz anderes Thema. Echt jetzt. :-)
Ganz herzliche Grüße (und hoffentlich sehen wir uns bald mal wieder im realen Leben!
Garnprinzessin
Genussfähigkeit ist ein gutes Wort. Das trifft es wohl ziemlich gut.
Oh ja, sabbern ist auch so toll. Ich sabbere nur, wenn der Zahnarzt meinen Unterkiefer betäubt hat und meistens noch nichtmal dann. Aber nienicht wegen Wolle… *seufz* es soll wohl Humor sein, aber ich kann ihn nicht teilen. Schaurig war ja auch der Yarn-Pool, bzw. mit welcher Gier sich dort auf die Wolle gestürzt wurde. Das hat dann meiner Meinung nach auch nichts mehr mit Genuss zu tun.
Reale Süchte sind selbstverständlich anders als die scherzhafte Bezeichnung seiner Hobbies als solche. Ich denke mir nur, dass bei so vielen Menschen, zu deren Sprachgebrauch das ganze Sucht/sabber/Bestellfinger/schmuggeln-Zeug gehört, vielleicht ein oder zwei dabei sind, bei denen sich hinter der humorvollen Fassade tatsächlich eine Kaufsucht oder ein Kaufzwang oder wie auch immer die korrekte Bezeichnung sein mag steckt…
Ich würde dich auch sehr gerne mal wieder treffen. Ravelry-Treffen wird dieses Jahr bei mir nichts. Ich habe an dem Samstag ein Seminar von meinem neuen Job aus. Ist zwar freiwillig, aber macht bestimmt nen guten Eindruck und außerdem hat mir ein Kollege erzählt, dass die Seminare immer sehr gut gewesen sein sollen. Außerdem ist ein Tag Seminar wohl nicht so anstrengend wie drei Tage unterwegs sein. Und ich brauche unbedingt viel Ruhe diesen Herbst. Zwei Umzüge + neuer Job + das Leben ist dann doch ein bisschen anstrengend. Ich habe das Wollfest in Backnang im April im Hinterkopf. Oder kommst du zufällig demnächst zur Wollmeise?
Ganz liebe Grüße, Anneli
Ausgezeichneter Beitrag, danke. Ich habe mich auch schon ähnlich unwohl gefühlt. Erstens wenn sich Leute scherzhaft als süchtig bezeichnen, zweitens wenn sie sich zu machtlosen Wesen hochstilisieren, die von Wolle hypnotisiert nicht anders können, als zu kaufen.
Auch das Unbehagen, wenn Leute sagen, sie schmuggeln Wolle an ihren Angehörigen vorbei, sie verstecken und nicht wissen, wie viel sie haben.
Ich mag das Wort Hobbies nicht, das hat bei mir aber persönliche Gründe, weil mir so oft Leute sagen, dass ich mein Hobby zum Beruf gemacht habe. Musik ist bei mir deswegen Beruf, weil es schon sehr lange so wichtig war, dass es gar nicht anders ging, als das zur Hauptsache zu machen. Ich betreibe auch meine “Hobbies” mit einer gewissen Ernsthaftigkeit und Hingabe und empfinde das Wort als abwertend, aber wie gesagt, das ist eher mein eigenes Problem.
Die andere Sache ist, dass ich zwar das Handarbeiten liebe und für meine seelische Gesundheit definitiv brauche, zum Teil aber auch dazu benutzt habe, um mich darin vor meinem richtigen Leben zu verstecken und das fand ich dann schon sehr bedenklich. Deswegen war ich dann sehr froh, als ich aus meinem Wollkokon auch wieder etwas herausgekrochen bin und die Dinge, die mich stören angegangen bin, anstatt sie mit fanatischem Stricken zu übertünchen.
Ein extra Handarbeitszimmer fände ich fantastisch, vor allem zum Nähen und damit all die Dinge genug Platz haben. Aber auch dann würde ich wahrscheinlich meistens auf der Küchenbank oder auf dem Sofa stricken.
Ein richtiges Wohnzimmer wäre aber noch toller, wir haben unseres zugunsten des Kinderzimmers geopfert und unser ehemaliges Gästezimmer beherbergt jetzt den Fernseher. Teilweise treffen wir uns alle in der Küche oder im Unterrichtsraum meines Mannes, aber das ist nicht ganz dasgleiche.
Also, danke nochmal.
Danke dir für deinen Kommentar.
Ich persönlich finde das Wort Hobby nicht unbedingt abwertend, kann aber verstehen dass es jemandem anders geht, der etwas beruflich macht, was für viele andere eben nur Hobby ist. Ich mag meinen Beruf zwar auch super gerne, aber Konstruktion im Sondermaschinenbau ist halt kein gängiges Hobby ;) Hobby umschließt aber auch nicht alles für mich. Zusätzlich zu den “Tätigkeiten”, die ich erwähnt habe, habe ich auch noch Interessen. Mittelalter und Steampunk zum Beispiel. Das kann ich nicht als Hobby bezeichnen, weil ich dahingehend nicht aktiv bin, im Gegensatz zu anderen, die sich entsprechend kleiden und zu Events fahren usw.
In unserer neuen Wohnung halten wir uns am meisten im Hobby-Zimmer auf, mein Mann am Computer und ich ihm gegenüber mit der Spindel in der Hand. Das liegt aber daran, dass das Wohnzimmer noch weniger eingerichtet ist. Das dauert aber auch immer lang, bis man alle Umzgskisten ausgepackt hat…
Liebe Grüße, Anneli
Sehr gut geschrieben, Du Liebe! Sehr ehrlich und umfassend. Aber dass ich Deine Art zu schreiben sehr schätze, das habe ich Dir ja schon persönlich sagen dürfen.
Mir geht es wie der Garnprinzessin: Waah, diese Sabberei – da entsteht übelstes Kopfkino bei mir … ich finde diesen Ausdruck echt übel. Das nächste Waah dann bei mir bei “Ich trau mich mich nicht, dies oder das zu stricken” – jau, wird ja auch gefährlich, wenn das böse Flusenmonster dann unterm Tisch vorkommt, wenn man sich trotzdem traut …
Und die Ehemänner, an denen man vorbeischmuggelt, die kommen dann gleich hinterher … was die dazugehörigen Ehegesponse wohl hinter den weiblichen Rücken schmuggeln? Wäre besser, wenn die Frauen, die sowas sagen, sich mal überlegen, warum sie sich und ihr mit solchen Aussagen eigentlich so abwerten.
Und das mit dem lebensnotwendig, das kann ich nur unterschreiben. Ich hab mit Stricken gegen die Angst angekämpft, was mir sehr geholfen hat, aber das kennst Du ja auch.
Ich umarm Dich von Herzen mit den besten Wünschen für Dich,
Ev
Liebe Ev,
auch dir vielen Dank für deinen Kommentar. Das nicht trauen kann ja zwei Gründe haben. Der eine ist, dass man sich nicht zutraut, etwas zu stricken. Das ist zwar schade und vielleicht ein Zeichen von mangelndem Selbstbewusstsein, aber irgendwie noch nachvollziehbar für mich. Wirklich wüst wird es in meinen Augen, wenn Leute jede Woche beim Update dieses Onlineshops zuschlagen und Unmengen von dem Zeug horten, sich dann aber nicht trauen, auch nur einen Strang anzustricken, weil das Garn doch so schön ist. Das Garn ist schön, keine Frage, es gehört zu meinen Lieblingsgarnen und ja, es sieht auch schon im Strang schön aus. Aber mir persönlich gefällt das Garn verstrickt besser und es ist mir bisher beim Verstricken auch noch kein Strang kaputt gegangen…
Ich umarm dich zurück und hoffe, wir sehen uns mal wieder. Backnanger Wollfest nächstes Jahr?
Ganz liebe Grüße, Anneli
Oh ja, Backnang nächstes Jahr – wäre sehr schön, wenn wir uns dort treffen würden! Habe gerade in mich hineinschmunzeln müssen, bei den Wollsträngen, die zu schön sind, um sie anzutricken. Sobald es so ans Horten geht, denke ich, dass damit irgendwas kompensiert wird. Lohnt sich auf jeden Fall, darüber nachzudenken.
Herzliche,
Deine Ev
Oh weh: Ich horte! Nicht um des Hortens Willen, aber aus dem Grund, dass ich einfach langsamer stricke, als ich hübsche Dinge finde. Und hübsche Dinge oder schöne Erlebnisse gönne ich mir sehr gerne. Ich latsche dann in Richtung Couch ins Wohnzimmer, gucke auf meine Woll-Aquarien (so mottenabwehrende, durchsichtige Plastik-Boxen) und erfreue mich an meinem Wollvorrat (so wie man sich vielleicht auch an einer Pflanze oder einem Bild erfreuen könnte). Neu gekauft wird jedoch in der letzten Zeit eigentlich fast nix mehr, da ich das Gefühl habe, dass es (für mich persönlich) genug ist.
Was das ‘Hereinschmuggeln’ angeht, so ist das hier natürlich (auch schon wegen der Wollaquarien, aber auch wegen des gemeinsamen Hobbies) kein Thema. Der Mann ist ja ähnlich orientiert. :-) Trotzdem werbe ich ein klein wenig um Verständnis dafür, dass die Seele des Menschen halt nun mal extremst kompliziert ist. Wollgeheimnisse zählen da zu den minderschweren Problematiken. Und wer was wie aus welchem Grunde tut/lässt/nur SO tun kann/nur SO lassen kann, ach… Es ist halt einfach kompliziert und wohl eigentlich nur aus der Warte desjenigen zu verstehen, der es wirklich tut. ;-)
Was Hobbies, Arbeit und den ganzen Rest angeht: Es gibt Leute, welche ihre Arbeit lieben. Es gibt Leute, welche ihre Arbeit aus Pflichtgefühl erledigen. Es gibt Kombinationen. Und auch hier gibt es noch so viel mehr (und daraus dann auch wieder Kombinationen). Wichtig ist, dass man es irgendwie schafft, ein gutes Gefühl dabei zu haben, ohne dass andere geschädigt werden und ohne dass man sich selbst langfristig schlimme Dinge antut. Vielleicht sind das Stricken oder Fallschirmspringen oder Vorlesen im Kindergarten als Zusatzdinge fürs persönliche Wohlgefühl. Vielleicht ist das eine jahrzehntelange Arbeit als Fliessbandmitarbeiter mit extremst netter Freizeitgestaltung. Vielleicht ist es der Traumberuf (mit wenig Zeit für andere Sachen) Auch hier ist die Vorstellungskraft nicht mal annähernd die Grenze. ;-)
Ach, vermutlich diskutiert man das wirklich lieber mal bei Kaffee und Kuchen und einem netten Strickstück. :-)
Liebe Grüße von der
Garnprinzessin
Ach, letztendlich geht es dabei doch nur um die zwei konkurrierenden Bedürfnisse: Wir wollen dazu gehören und gleichzeitig etwas Besonderes sein und Aufmerksamkeit in Form von Bewunderung oder Mitleid bekommen. Das geht natürlich sehr leicht mit Hilfe von Übertreibungen. Im allgemeinen Sprachgebrauch kann man ja seit Jahren beobachten, dass Menschen versuchen, sich gegenseitig zu übertrumpfen, indem sie Begriffe steigern, die eigentlich nicht gesteigert werden können wie “das Optimalste” oder “am maximalsten” oder “am aktuellsten”. Da sind sie 200 Prozent dabei, der nächste sogar 1000 Prozent. Ich warte noch auf den ersten, der von Millionen Prozent spricht bei etwas, das es doch höchstens zu 100 Prozent gibt wie Zeit, Zuverlässigkeit, Liebe u.ä.
Von Sucht und Hilflosigkeit im Zusammenhang mit Wolle u.ä. sprechen solche Menschen auch aus demselben Grund. Sie wollen Aufmerksamkeit, Bewunderung, Mitleid. Auch um den Preis, dass sie sich selbst als Kinder darstellen, die für das eigene Leben keine Verantwortung übernehmen können.
Um aufzufallen wird auch gern provoziert. In den 80er Jahren ging das z.B. mit Hilfe des Wortes “geil”. Heutzutage ist es “porno”. Ich bin gespannt, was als nächstes kommt.
Solche Methoden sind also einfach nur der billige Versuch, Anerkennung zu bekommen. Schade, wenn solche Leute dazu keine andere Möglichkeit haben wie z.B. durch selbstgemachte Strick-, Näh- oder sonstige Sachen oder andere wirklich tolle Leistungen in Beruf, Familie, Sport oder Ehrenamt.
Da kann man eigentlich nur mit den Schultern zucken und denken: “Das pubertäre Benehmen hat er/sie wohl nötig.” Den meisten Leuten ist doch gar nicht bewusst, was sie da tun und warum. Nicht jeder hat das nötige Sprachgefühl und die Sachkenntnis, um das zu begreifen.
Ganz liebe Grüße, so von Maschinenbäuerin zu Maschinenbäuerin!
Oh, das Horten der Garnprinzessin habe ich doch gar nicht gemeint ;) – ich glaube, wir müssen uns zum Klönschnacken und Lachen nächstes Jahr unbedingt livehaftig in Backnang wieder treffen, damit wir nicht nur I-net-Wörter austauschen, die man anders geschrieben hat, als sie dann wieder anders rüberkommen und so weiter und so fort ;) – ich für meinen Teil habe gerade zwölf meiner gehorteten Wollstränge zusammen gepackt, damit eine liebe Freundin sie mir für nächstes Jahr wieder geheim umpackt und mich so zwölf mal im Jahr 2012 jeden Monat neu zum hemmunglosen Stricken antreibt. Ein Hoch auf den gut abgelagerten und heiß geliebten Wollvorrat!!!
Meine herzlichsten Euch,
Ev die nichts so heiß strickt wie es gesponnen wurde